Der Kult mit der Schuld - Buchbesprechung
Lesedauer 11 Minuten

Im Artikel „Der Kult mit der Schuld – Buchbesprechung – I“ befasse ich mich mit den Kapiteln 1 bis 4 des gleichnamigen Buches.

Prolog

Ich möchte zunächst anhand des Klappentextes das Buch kurz vorstellen.

Heinz Nawratil | Der Kult mit der Schuld | Geschichte im Unterbewusstsein | ISBN 3-8004-1439-2 | Universitas | 2002

Die kollektive Schuld der Deutschen am Hitler-Regime und seinen Verbrechen war nach dem Zweiten Weltkrieg Gegenstand lebhafter Debatten. Gegenwärtig ist von Kollektivschuld kaum noch die Rede. Mit dem Wort ist aber nicht die Idee ausgestorben. Vielmehr ist sie, ausgestattet mit einem neuen Wortschatz, heute lebendiger denn je; sie ist sogar drauf und dran, zu einer Art Staatsreligion der Bundesrepublik zu werden. Kein Volk neigt dazu wie das deutsche, sich vor sich selbst zu schämen. Komplexbeladen und mental verborgen im Zeichen der so genannten »Political Correctness« erleben wir eine Gesellschaft, die sich selbst erniedrigt, um allen gerecht zu werden.

Wen mag es da noch wundern, wenn eine Saat aufzugehen beginnt, die in das krasse Gegenteil wuchern wird.

Was vielfach übersehen wird: Der Kult mit der Schuld birgt auch ein höchst destruktives Potential, ja es schwebt die modernisierte Kollektivschuld-These wie eine radioaktive Wolke über allen Bereichen des öffentlichen Lebens und kontaminiert langsam, aber sicher nicht nur Politik und Kultur, sondern auch unsere Demokratie-und Moralbegriffe. Und in gewissen linken und politisch korrekten Kreisen offenbaren sich dem Psychologen klassische Selbst-hass-Symptome. Das vorliegende materialreiche Buch dokumentiert nüchtern und politisch unterhaltsam zugleich die Geburt einer neuen Erbsünde.

HEINZ NAWRATIL, bayerischer Jurist sudetendeutscher Abstammung, wurde 1965 ausgezeichnet mit dem Förderpreis der »Stiftung der Deutschen Gemeinden und Gemeindeverbände zur Förderung der Kommunalwissenschaften«.

Er ist Autor juristischer Taschenbuch-Bestseller und Mitarbeiter an einer Einführung in die Sozialpsychologie. Im Universitas Verlag ist ferner erschienen: »Schwarzbuch der Vertreibung«.

Klappentext

Warum befasse ich mich mit diesem Buch?

Ich bin im Artikel über Schule und die deutsche Geschichte bereits auf einige Aspekte des vollumfänglichen und vorurteilsfreien Geschichtsunterrichts eingegangen. Verweisen möchte ich in diesem Zusammenhang auch auf meinen Artikel zur Theorie der Unbildung und die dort empfohlenen Bücher. Womit ich beim zentralen Thema dieses Blogs angekommen bin, der Bedeutung einer umfassenden Allgemeinbildung im Zusammenhang mit der Erziehung zum mündigen Bürger.

Um Goethe zu zitieren:

Der Worte sind genug gewechselt, Laßt mich auch endlich Taten sehn!
[…]

Goethe, Faust | Eine Tragödie | Vorspiel auf dem Theater, 1808 | Direktor

Kapitel 1

Warum dieses Buch geschrieben wurde

Der Autor befasst sich zunächst anhand vieler Beispiele und Zitate mit dem „Antigermanismus“, allerdings nicht dem unserer Nachbarn, sondern dem, der sich in Deutschland selbst seit vielen Jahren Raum greift und der weder moralisch noch strafrechtlich verurteilt wird.

Sollte sich aber jemand erdreisten, Nationalstolz zu zeigen oder sich kritisch zu äußern, wird das – mindestens moralisch – angeprangert.

[…] und wenn so zirka 100 Millionen Asylanten, egal, wie arm, krank und kriminell sie sein mögen, aufgenommen und gleichwertig behandelt worden sind, dann darf an einem Kneipentisch ein Besoffener einmal leise seine Überfremdungsbeschwerde führen […]

S. 10

Linker Selbsthass ist in Ordnung, rechter Nationalstolz ist völkisch, rassistisch und den gab es schließlich schon einmal.

Nach dem Krieg gab es (bis zum Erscheinungsjahr dieses Buches) etwa 85 000 Bücher zu Antisemitismus und dem Genozid an den Juden im 2. Weltkrieg. Zum Thema Kollektivschuld und Antigermanismus findet man hingegen bis heute so gut wie nichts, maximal zum Bild der Deutschen im Ausland gibt es Publikationen.

Kapitel 2

Die Kollektivschuld ist tot – es lebe die Kollektivschuld

Nach dem Krieg war die kollektive Schuld nachvollziehbar in aller Munde. Der Autor belegt dies mit zahlreichen Zitaten. Er stellt heraus, dass es sogar soweit ging, offenen Deutsch-Rassismus zu zeigen. „Hitlers willige Vollstrecker“ und ähnliche Aussagen belegen das.

„Deutschland wird nicht besetzt werden zum Zweck der Befreiung, sondern als eine besiegte Feindnation.“

Den geistigen Nährboden für diese Direktive bereiteten Schriften wie die eines gewissen Louis Nizer, »What to do with Germany«. Dort konnten die US-Bürger unter anderem lesen: »Der Nazismus ist keine neue Theorie, geboren aus der Ungerechtigkeit des Versailler Vertrags oder aus wirtschaftlicher Notlage. Er ist ein Ausdruck deutscher Bestrebungen, die in Jahrhunderten ihren Niederschlag gefunden haben … Es gab einen Kaiser vor Hitler und Bismarck vor dem Kaiser und Friedrich den Großen vor Bismarck – in der Tat sind 2000 Jahre deutschen Wesens dafür verantwortlich … Ja, es gibt eine deutsche Verschwörung gegen den Weltfrieden und gegen jeden freien Menschen in jedem Land. Es ist eine Verschwörung, die in der Niederlage nie abgestorben ist. Sie ist dem Volk angeboren…

S. 16

Darauf muss man erst einmal kommen!

Wie sagte doch Salcia Landmann, die Schweizer Schriftstellerin mit jüdisch-ukrainischen Wurzeln: »Die Bußbereitschaft wegen Auschwitz birgt schon lange irrationale massenpsychotische Elemente.« Auch US-Präsident Reagan meinte am 5. Mai 1985 bei seinem Besuch des deutschen Soldatenfriedhofs in Bitburg: »Den Deutschen ist ein Schuldgefühl aufgezwungen und zu Unrecht auferlegt worden.«

S. 17

Die Sprache beeinflusst unser Denken. Ich gehe davon aus, dass dieser Zusammenhang klar ist. Das ganze neumodische „Gendern“ ist ein Beleg dafür.

Der Autor beschreibt, wie sich Begrifflichkeiten wie „Tätervolk“ oder „kollektive Haftung“ wandeln, z. B. hin zu „kollektive Verantwortung“. Wer will sich schon öffentlich von selbiger distanzieren? Hier wird zudem deutlich, dass alle Deutschen für immer die historische Verantwortung für Weltkrieg, Judenmord usw. auf sich nehmen müssen.

Erben des judenmordenden Staates

Michel Friedmann | Rheinischer Merkur | 16.11.1985

Es folgen weitere Zitate zur ewigen Verbindung des Ausbruches des Zweiten Weltkrieges mit dem deutschen Namen (Richard von Weizsäcker). Die intensive Beschäftigung mit Ernst von Weizsäcker zeigt, dass es manchmal besser ist, als Sohn etwas kleinere Brötchen zu backen.

Die „Aufarbeitung“ nach dem Krieg in Form der Nürnberger Prozesse zeigt, dass so mancher Haupttäter mit einem blauen Auge davonkam, wohingegen das deutsche Volk insgesamt moralisch und auf ewig in der Verantwortung ist. Auch heute noch wird das so praktiziert. Der Besuch von ehemaligen KZ mit Schülern beispielsweise soll maximale Betroffenheit auslösen. So weit, so gut, aber bitte nicht im Sinne der Kollektivschuld.

In einem Pressegespräch meinte Herzog, wenngleich die Nachkriegsgenerationen keine persönliche Schuld trügen (die klassische Einleitung aller Kollektivschuldreden!), »werden wir Redeformen entwickeln müssen, die diesen Generationen ihre Verantwortung vor Augen führen«. Bei der Beschäftigung mit der Zeit des Dritten Reichs solle »mehr von Verantwortung« die Rede sein. Im Klartext konnte das nur bedeuten: Während durch die klassische Kollektivschuldthese aus der Schuld von einzelnen die Schuld einer Generation wird, macht die moderne Version aus der vermeintlichen Schuld einer Generation die Erbsünde eines ganzen Volkes; die Schuld/Haftung/Verantwortung wird gleichsam mit den Genen weitergegeben.

S. 22

Wolfgang Thierse nimmt am 27.01.2000 Bezug auf Herzog, indem er Auschwitz als Synonym für ewige Schuld benennt und in diesem Zusammenhang auf die aus der zunächst nicht übertragbaren Schuld erwachsende Verantwortung, die seiner Meinung nach sehr wohl übertragbar ist, verweist.

Nur seltsam, daß die Bibel – hier Prophet Ezechiel – anderer Meinung ist: »Der Sohn darf nicht an der Schuld seines Vaters, und der Vater soll nicht an der Schuld seines Sohnes tragen« (Ez 18,20). Politiker wie Herzog und Thierse sind eben keine biblischen Monumentalgestalten. Eher gilt hier eine Beobachtung von Karl Krauss: Wenn die Sonne der Kultur niedrig steht, werfen auch Zwerge lange Schatten.

S. 23

Zumindest bei Roman Herzog dürfen Zweifel an der Bedeutung des C im Namen der Partei seines Parteibuches angemeldet werden.

Wenn Joschka Fischer die Identifikation der Deutschen mit ihrem Land mit Auschwitz gleichsetzt und das in einen Kontext mit 1789 für die Franzosen setzt, darf einem gelinde gesagt schlecht werden. Vera Lengsfeld äußerte in einem Interview auf die Frage, ob Trittin und Fischer das Volk hassen, wie folgt:

Diverse Äußerungen, die beide im Laufe ihrer politischen Karriere von sich gaben, empfinde ich jedenfalls so, daß sie sich nicht als sympathisierende Repräsentanten des Volks begreifen, das sie vertreten, sondern als Erzieher, Überwinder, Zerstörer.

Focus | Nr. 9/2004

Perfide! Allein der Sprachgebrauch weg von „Schuld“ hin zu „Verantwortung“ ist im beschriebenen Kontext übel. Damit ist es unmöglich geworden, ein stolzer Deutscher zu sein. Wohin das aktuell führt, sieht man am Beispiel des Umgangs mit der AfD und ihrer Wähler.

Kapitel 3

Kollektive Schuld, kollektive Strafe

Die Strafe erfolgte bereits zu Zeiten des Krieges: Flächenbombardements deutscher Wohnviertel (z. B. Dresden) oder „Aktion Gomorrha“ – allein die Wortwahl ist vielsagend!

[Anm.: Ich verlinke wider meiner Überzeugung zu Wikipedia, neutrale Quellen sind schwer zu finden, gerade Wikipedia sollte man in Bezug zu gesellschaftswissenschaftlichen Themen sehr kritisch betrachten.]

Doch damit nicht genug. Theodore N. Kaufman schreibt in seinem Buch „Germany Must Parish“ wie folgt:

Sterilisierung sollte nicht mit Kastration verwechselt werden. Es ist eine gefahrlose und einfache Operation, ziemlich harmlos und schmerzlos, die den Patienten weder verstümmelt noch zum geschlechtslosen Wesen macht … Wenn man bedenkt, daß solche gesundheitsfördernden Maßnahmen wie Impfungen und Serumbehandlungen als direkte Wohltaten für die Bevölkerung betrachtet werden, dann kommt man nicht umhin, die Sterilisierung des deutschen Volkes als eine große Gesundheitsmaßnahme der Menschheit zu betrachten, um sich FÜR IMMER gegen den Virus des deutschen Wesens (Germanism) zu immunisieren.

S. 26

Das könnte auch der Feder eines gewissen Josef Mengele entsprungen sein. Widerlich!

Es geht noch widerwärtiger:

Ernsthaft in der amerikanischen Öffentlichkeit diskutiert wurde auch der Vorschlag des Harvard-Professors E. A. Hooton, den am 4. Januar 1943 die amerikanische Zeitschrift »Peabody Magazine« publizierte. In seinem »PM«-Aufsatz »Breed War Strain out of Germans« schlägt der Anthropologe Hooton vor, frei nach Mendels Gesetzen die »deutsche Aggressivität« aus dem Volk herauszuzüchten. Dieses Ziel könne erreicht werden, indem man Angehörige der alliierten Besatzungstruppen zu Ehen mit deutschen Frauen ermutige und außerdem die Einwanderung nichtdeutscher Menschen, vor allem nichtdeutscher Männer, nach Deutschland fördere. Das Gros der ehemaligen Wehrmacht solle währenddessen mindestens 20 Jahre lang im Ausland Zwangsarbeit lei-sten. Auf diese Weise ließe sich die Zahl der reinrassigen Deutschen (pure Germans) und damit die kriegerische Erbanlage der Mitteleuropäer in absehbarer Zeit drastisch reduzieren.

S. 27

Kommen Ihnen da Parallelen zur aktuellen deutschen Migrationspolitik in den Sinn? Nur so eine Frage…

Vielleicht haben Sie schon einmal vom Morgenthau-Plan gehört. Er beinhaltete die Zerstückelung Deutschland, teilweise Vertreibungen sowie die Umwandlung in ein Agrarland. Der Plan wurde lange diskutiert und schließlich fallengelassen.

Das Kapitel nennt weitere Beispiele, welche Gedanken durchgespielt wurden, um die aggressiven Deutschen ein für alle mal von der Weltbühne zu tilgen.

So wird zum Beispiel aufgezählt, wie viele Millionen Deutsche als Zwangsarbeiter durch die Sowjetunion, Frankreich und auch Jugoslawien missbraucht wurden. Viele Millionen starben. Schafft man damit statt Versöhnung nicht neue Kriegsgründe? Deportation und Zwangsarbeit führten zu Verurteilungen deutscher Verbrecher in Nürnberg. Was für eine Doppelmoral!

Der Autor zitiert zum Abschluss des Kapitels Thomas Macaulay:

Ein Strafsystem, das ohne Unterschied auf den Schuldigen und den Unschuldigen einschlägt, wirkt bloß wie eine Seuche oder eine große Naturkatastrophe und ist ebensowenig wie die Cholera oder ein Erdbeben geeignet, Verbrechen zu verhüten … Die Menschen hundertweise zu enthaupten, ohne nach ihrer Schuld oder Unschuld zu fragen, dem Reichen mit Hilfe von Kerkermeistern und Henkern sein Geld abzupressen … das ist die einfachste und leichtbegreiflichste aller Regierungsweisen. Über ihren sittlichen Rang wollen wir schweigen, gewiß erfordert sie aber keine Fassungskraft, die über die des Barbaren oder des Kindes hinausgeht.

S. 33

Kapitel 4

5000 Jahre Kollektivschuld

Kollektivistische Vorstellungen sind in der Vergangenheit oder auch aktuell bei Naturvölkern verankert. Begehe ich eine Straftat an einem Mitglied der eigenen Sippe, werde ich individuell bestraft, begehe ich hingegen eine Straftat an einem Mitglied einer anderen Sippe, so wird meine gesamte Gemeinschaft beschuldigt (Sippenhaft). Meine eigenen Taten wirken auf die Gruppe zurück. Das unterdrückt natürlich in gewisser Weise jede Form von Individualität.

Erst im 14. Jahrhundert ff. wurde die Blutrache untersagt und auch langsam nicht mehr praktiziert. Bis dann während der Nazizeit die Sippenhaft wiedereingeführt wurde. Die Verwandtschaft von Verrätern wurde mitbestraft, deren Kinder kamen in Kinder(umerziehungs)heime.

Der Autor zitiert im Folgenden mehrfach die Bibel, um auch das dort vorhandene Umschwenken weg von der Kollektiv- hin zur individuellen Strafe aufzuzeigen.

Auch ein „kleiner Ausflug“ zum Thema Antisemitismus darf nicht fehlen:

Realere Folgen hatte die christliche Auffassung von der Schuld der Juden am Tod Christi, gestützt auf die Bibelstelle, in der das versammelte Volk Pilatus zuruft (Mt 27,24): »Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!« Sie war über Jahrhunderte immer wieder Anlaß für Unduldsamkeit bis hin zu Pogromen. 1581 zum Beispiel erklärte Papst Gregor XIII., daß die Schuld der Rasse, die Christus von sich gewiesen und gekreuzigt habe, mit jeder Generation größer werde und alle ihre Glieder mit ewiger Knechtschaft belaste. Der christliche Antisemitismus hat Tradition, wie die folgende Blütenlese zeigt. Der heilige Ambrosius von Mailand (339-397) behauptete, die Juden als Feinde Christi hätten keinen Anspruch auf Gerechtigkeit oder gesetzliche Unterstützung. Der heilige Johannes Chrysostomos (354 407) hielt die Juden für »unreine Bestien«; in ihrer Schamlosigkeit und Gier überträfen sie sogar die Schweine. Noch Pius IX. (Papst von 1846 bis 1878) glaubte, der Gott der Juden sei das Gold; sie stünden hinter allen Angriffen gegen die katholische Kirche.

S. 37

Der Autor widmet sich dem Problem des Hasses auf Juden aus verschiedenen Richtungen. Es geht aber nicht um Ursachen, sondern auch hier um die Haftung einer ganzen Bevölkerungsgruppe für die Taten weniger. Hitler stellte die These der „jüdisch-bolschewistischen Weltverschwörung“ auf, womit er den damaligen Zeitgeist – bzw. eine starke Strömung desselben – wiedergab. Allerdings vermengte er dies mit extrem rassistischen Elementen, indem er rassische Defekte postulierte.

Der Angriff auf die Sowjetunion 1941 war getrieben von Hitlers „Erbitterung“ über die Verbrechen des Sowjetsystems, welches für ihn ein jüdisches war. Jeder Vertreter dieses Systems musste ausgelöscht werden.

Es ist ein Ironie der Geschichte, daß weitgehend ähnliche Ideen, bloß spiegelbildlich, auch auf der anderen Seite der Front kursierten: Der Sowjetmensch als Rächer der NS-Verbrechen. An der deutschen Grenze wurden sogar Schilder aufgestellt, auf denen zu lesen stand: »Rotarmist: Du stehst jetzt auf deutschem Boden – die Stunde der Rache hat geschlagen!« Der Moskauer Propagandaapparat hatte dazu jahrelang Vorarbeit geleistet; für den prominenten Propagandisten und Literaten Ilja Ehrenburg zum Beispiel waren die Deutschen nichts anderes als Pestbazillen: »Unter ihresgleichen betrachten die Mikroben wahrscheinlich Pasteur als Mörder. Aber wir wissen, daß er, der die Mikroben der Tollwut und Pest tötet, der wahre Menschenfreund ist.«

S. 39

Im nächsten Abschnitt schlägt der Autor den Bogen von den allgemeinen kollektivistischen Vorstellungen zur deutschen Kollektivschuld.

Winston Churchill glaubte wie de Gaulle an eine deutsche Kollektivschuld und war wie dieser von rassistischen Anwandlungen nicht frei. In seiner Unterhausrede vom 21. September 1943 betonte er, die Deutschen vereinigten in sich in todbringender Weise »Eigenschaften des Krieger- und Sklaventums«. Churchill fuhr fort:

»Freiheit bedeutet ihnen nichts, und sie bei anderen zu sehen ist ihnen verhaßt. Sobald sie erstarken, gehen sie auf Raub aus und leisten jedem, der sie dazu anführt, mit eisener Disziplin Gehorsam.«

Seinem sprunghaften Naturell entsprechend, kritisierte er später die Kollektivschuldthese und zitierte am 5. Juni 1946 im Unterhaus den liberalen Politiker Edmund Burke (1729-1797): »Ich kann nicht ein ganzes Volk verurteilen.«

S. 41

Nach Kriegsende waren freie Medien nicht zugelassen, lediglich die Kirche konnte sich öffentlich äußern. Im Stuttgarter Schuldbekenntnis (Oktober 1945) der evangelischen Kirche hieß es u. a.:

Der Rat der EKD begrüßt bei seiner Sitzung am 18./19. Oktober 1945 in Stuttgart Vertreter des Ökumenischen Rates der Kirchen. Wir sind für diesen Besuch um so dankbarer, als wir uns mit unserem Volk nicht nur in einer großen Gemeinschaft der Leiden wissen, sondern auch in einer Solidarität der Schuld. Mit großem Schmerz sagen wir: Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden. Was wir unseren Gemeinden oft bezeugt haben, das sprechen wir jetzt im Namen der ganzen Kirche aus: Wohl haben wir lange Jahre hindurch im Namen Jesu Christi gegen den Geist gekämpft, der im nationalsozialistischen Gewaltregiment seinen furchtbaren Ausdruck gefunden hat; aber wir klagen uns an, daß wir nicht mutiger bekannt, nicht treuer gebetet, nicht fröhlicher geglaubt und nicht brennender geliebt haben.

Dann lasst uns beten… Ein bisschen wenig, denke ich, um gegen eine Gewaltherrschaft anzugehen.

Dass die Kirche das verstanden und aber gleichzeitig so gar nicht verstanden hat, zeigt sich in der derzeitigen Haltung – übrigens beider Kirchen – gegenüber der AfD und ihren Anhängern, ganz so, als hätte man etwas gutzumachen.

Aber weiter im Text bzgl. der evangelischen Kirche:

Noch deutlicher zeigt sich der Kollektivschuldglaube in der Vertriebenendenkschrift der EKD von 1965 (»Die Lage der Vertriebenen und das Verhältnis des deutschen Volkes zu seinen Nachbarn«); ihre Argumentation hat sich bis heute fast unverändert erhalten. Die kollektive Schuld eines Volkes wird verbal abgelehnt, um anschließend wieder durch die Hintertür eingeführt zu werden: Das deutsche Volk habe »schwere politische und moralische Schuld gegenüber seinen Nachbarn auf sich geladen« und die Vertreibung sei ein »Gericht Gottes« und »Wiedergutmachung für vergangenes Unrecht«; Polen brauche »Lebensraum« (!) für Millionen Menschen.

Oben stehendes verunmöglicht es nahezu, heute FÜR Deutschland zu sein, womit sich der Kreis zum Umgang mit der AfD schließt, die – ob man es nun als völkisch kritisieren möchte oder nicht – wie keine andere Partei für Deutschsein steht.

Ein letztes Zitat, diesmal von Eisenhower am 22.01.1951 auf dem Petersberg bei Bonn:

Ich war 1945 der Auffassung, daß die Wehrmacht, insbesondere das deutsche Offizierskorps, identisch mit Hitler und den Exponenten seiner Gewaltherrschaft sei und deshalb auch mit voll verantwortlich für die Auswüchse des Regimes … Inzwischen habe ich eingesehen, daß meine damalige Beurteilung der Haltung des deutschen Offizierskorps und der Wehrmacht nicht den Tatsachen entspricht, und ich stehe daher nicht an, mich wegen meiner damaligen Auffassung zu entschuldigen.
Der deutsche Soldat hat für seine Heimat tapfer und anständig gekämpft.

So etwas darf man aktuell nicht einmal denken, geschweige denn aussprechen.

Am Ende des Kapitels macht der Autor einen Vorgriff auf Kapitel 9, in dem es um die Symbiose zwischen Rechtsextremismus und Antisemitismus einerseits und Linksextremismus und Antigermanismus anderseits geht.

Epilog

[…]
Indes ihr Komplimente drechselt, kann etwas Nützliches geschehn.

Goethe, Faust | Eine Tragödie | Vorspiel auf dem Theater, 1808 | Direktor

Wo wir gerade so schön beim Thema sind. Die deutsche Geschichte ist eben keine Geschichte der 12 Jahre Nationalsozialismus. Auch Goethe, Schiller und viele andere sind Teil unserer Lebensart und Kultur.

Die ersten vier Kapitel stimmen sehr deutlich darauf ein, wie der Autor zum Schuldkult steht. Alle Aussagen, die sicher in Teilen auch die eigene Interpretation des Autors sind, werden immer mit Zitaten samt Quellenangaben hinterlegt. So kann jeder, der das möchte, diese Quellen selbst studieren und sich ein eigenes Urteil bilden.

Ich habe an einigen Stellen meinen Standpunkt einfließen lassen. Mein erstes Zwischenfazit lautet, dass neben dem intensiven Studium der Gründe, des Verlaufs und der Ergebnisse des zweiten Weltkrieges ein neutraler und von Menschenverstand getragener Umgang damit nötig ist. „Nie wieder!“ ist eine Aussage, die dies unbedingt will. Statt dessen wird sie im Sinne des Schuldkults instrumentalisiert und verfehlt damit inhaltlich das, was diese Aussage eigentlich bedeutet.

Eine Schlussbemerkung sei mir gestattet: Den aktuell inflationären Umgang mit Begriffen wie „rechtextrem“, „Nazi“ oder die Aussage „Das hatten wir alles schon einmal.“ halte ich für fatal. Dies alles basiert auf einem völlig falschen Verständnis dessen, was zwischen 1933 und 1945 (sowie davor und danach) in Deutschland los war. Die Gräueltaten Hitlers und seiner Anhänger zähle ich zum Schlimmsten, was je passiert ist. Es gibt für mich nichts Vergleichbares, schon gar nicht in der deutschen Gegenwart. Wer Menschen mit Nazi tituliert, sagt nichts anders, als dass diese sich Konzentrationslager, Kristallnacht oder einen Weltkrieg zurückwünschen. Was für ein Irrsinn! Die Betrachtung der aktuellen politischen und gesellschaftlichen Zustände in Deutschland (und weltweit) ist es sicher wert, intensiv diskutiert zu werden, sprengt aber sowohl thematisch als auch umfänglich den Rahmen dieses Beitrags.

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Von sp

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