Professionelle Distanz
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Lehrer brauchen das, was man professionelle Distanz nennt. Aber was bedeutet das eigentlich? Lehrer sollen sich den Kindern zuwenden und eine Beziehung aufbauen. Ein Widerspruch, der keiner ist.

Distanz hat mehrere Bedeutungen. Zwei Aspekte sollen zunächst näher untersucht werden, der physiologische und der psychologische Abstand.

Physiologische Distanz

Edward T. Hall definiert vier Zonen bezüglich des räumlichen Abstands bei der Kommunikation zwischen Personen:

  1. > 3,5 m: öffentliche Zone
  2. 2,2 m – 1,2 m: soziale Zone
  3. 1,2 m – 0,45 m: persönliche Zone
  4. < 0,45 m: intime Zone

Hall (1914 – 2009) war ein US-amerikanischer Anthropologe und Ethnologe.

  • Die intime Distanz: betrifft den unmittelbaren, hautnahen Körperkontakt (von Hautkontakt bis 45 cm Abstand).
  • Die intime Distanz – nahe Phase: sehr enger Körperkontakt beispielsweise zwischen zwei Liebenden.
  • Die intime Distanz – weite Phase: enger Körperkontakt. Wird beispielsweise bei überfüllten Verkehrsmitteln als unangenehm empfunden.
  • Die persönliche Distanz: der normale Abstand in Gesprächen mit Freunden und Kollegen. Er wird als persönlicher Schutzraum beschrieben, der nicht verletzt werden soll (zwischen 45 cm und 120 cm).
  • Die persönliche Distanz – nahe Phase: in dieser Distanz kann die andere Person berührt oder angefasst werden.
  • Die persönliche Distanz – weite Phase: die andere Person befindet sich in einem armlangen Abstand
  • Die soziale Distanz: der Abstand bei unpersönlicher Kommunikation. Betrifft soziale Interaktionen mit Bekannten, Fremden und Geschäftspartnern (zwischen 120-220 cm).
  • Die soziale Distanz – nahe Phase: Die Abwicklung unpersönlicher Geschäfte findet auf dieser Entfernung statt.
  • Die soziale Distanz – weite Phase: Eine gewollte Formalisierung von interpersonalen Aktivitäten wird hierbei signalisiert.
  • Die öffentliche Distanz: der Abstand bei unpersönlichen und anonymen Interaktionen. Betrifft beispielsweise die Distanz zum Redner bei einer Öffentlichen Veranstaltung (ab 3,5 Meter).
https://www.ikud-seminare.de/glossar/raumorientierung-kulturdimension-nach-edward-t-hall.html

Jeder kennt das ungute Gefühl, wenn ein anderer in die Intimzone eindringt. Das kann unabsichtlich erfolgen (ÖPNV, Open-Air-Konzert) und führt schlimmstenfalls zu aggressiven Reaktionen. Es gibt Menschen, denen dieses Missgefühl fehlt und die viel zu nah an andere „heranrücken“. Zu unterscheiden ist davon, wenn jemand diesen Einbruch zulässt, bspw. bei einer Umarmung zur Begrüßung oder wenn sich Menschen näher kennen und den Körperkontakt suchen.

Bei Kindern bildet sich diese Intimzone erst allmählich aus. Einerseits suchen diese oft den innigen Kontakt z. B. zur Kindergärtnerin oder der Lehrerin, andererseits ist die Erziehung zu einem gesunden Gefühl für einen Einbruch in diese Distanz wichtiger Bestandteil der Erziehung, um Kindesmissbrauch zu verhindern.

Für Lehrer ist es ein durchaus schwieriges Terrain, da in verschiedenen Situationen die Nähe notwendig ist. Ein sehr prägnantes Beispiel ist die Hilfestellung im Sportunterricht oder – ganz profan – die individuelle Hilfe im Unterricht, indem sich der Lehrer über das Heft des Schülers beugt, um auf einen Fehler hinzuweisen.

Hier zeigt sich, dass es Situationen gibt, in denen dieser Einbruch geduldet wird. Das ist oft ein automatisierter Prozess, bei dem wir dies zulassen, ohne uns Gedanken zu machen.

Psychologische Distanz

Bei der psychologischen Distanz gibt es einen zeitlichen, räumlichen, sozialen und hypothetischen Aspekt.

Hypothetisch bedeutet, dass es eine Vorstellung davon gibt, ob ein Ereignis wahrscheinlich (psychologisch nah) oder unwahrscheinlich (psychologisch entfernt) ist. Räumliche und zeitliche Distanz sind hier selbsterklärend (ein Ereignis ist bspw. langfristig geplant und bezieht Personen ein, die weit entfernt sind).

Interessant ist die soziale Komponente, da sie die anderen beeinflusst und damit auch deutlich mehr ist, als unter physiologischer Distanz zu verstehen ist. So ist es möglich, eine soziale Distanz aufzubauen, indem ich die zeitliche oder auch räumliche Distanz zu einer anderen Person erhöhe (ich beantworte E-Mails zeitverzögert, gehe jemanden aus dem Weg usw.). Ist mir die soziale Beziehung hingegen wichtig, reagiere ich unverzüglich auf Anfragen oder suche die Nähe zu dieser Person.

Im Lehrerberuf ist die Kenntnis dieser Faktoren wichtig, da Lehrer zwangsläufig immer wieder mit Menschen (das schließt neben den Kindern die Eltern und Kollegen mit ein) zu tun haben, zu denen sie Nähe aufbauen müssen, dies aber persönlich u. U. gar nicht wollen. Auch Lehrer sind nicht frei von Sympathie oder Antipathie.

Es ist daher wichtig, die eigenen Distanzräume zu kennen und professionell damit umzugehen.

Professionelle Distanz – Selbstreflexion

Neben der Kenntnis der eigenen Belange darf man nicht vergessen, dass die Definition der individuellen Distanzräume auch auf mein Gegenüber zurückwirkt.

Folgende Fragen können helfen, das „gesunde Maß“ zu finden:

  • Welchen Distanzraum brauchst du aus welchen Gründen und wie hältst du ihn ein?
  • Wie weit lässt du andere an dich heran (physiologisch sowie psychologisch)?

Im Umgang mit Kindern ist die Beantwortung dieser Fragen sicher anders als im Umgang mit den Erwachsenen, wobei auch hier sicher zwischen Kollegen und Eltern zu differenzieren ist. Gleichzeitig gilt es zu beachten, dass auch das gegenüber Distanzräume besitzt.

Noch mehr Fragen:

  • Welche Formen des Austauschs nutze ich?
  • Wie kann ich Distanz (damit) abbauen?
  • Bin ich in der Lage, mein eigenes Empfinden hinsichtlich Distanz auf andere Menschen zu übertragen?
  • Kann ich individuell und situativ unter Wahrung der bestehenden Distanzräume reagieren?
  • Kann ich – wenn nötig – Nähe zulassen?
  • Kann ich meine Bedürfnisse gegenüber anderen formulieren?

Lehrer und professionelle Distanz

Der Widerspruch, der keiner ist? Wo ziehe ich die Grenze zwischen Nähe, die zum Aufbau einer Beziehung nötig, und der Abgrenzung, die aus vielerlei Gründen unabdingbar ist. Autorität, Vertrauen oder beides – wie geht das?

Professionelle Distanz erzeugt Nähe. Das ist ja mal eine These. Aber die Begründung folgt.

Lehrer haben neben ihrem Bildungs- auch einen Erziehungsauftrag. Der ergibt sich schon allein daraus, dass das geordnete Zusammenspiel so vieler Menschen wie in einer Schule nur dann funktioniert, wenn es ein Regelwerk gibt. Wo es Regeln gibt, die durchgesetzt werden, findet immer Erziehung statt. Das birgt ein ordentliches Konfliktpotential, da Schüler meist nicht dasselbe wollen wie ihre Lehrer.

Erziehung funktioniert allerdings nur, wenn die Autorität des Erziehers als solche anerkannt wird. Das wiederum wird nicht funktionieren, wenn Schüler und Lehrer „im selben Boot“ sitzen. Schüler sind keinesfalls die Freunde des Lehrers.

Die beschriebene Autorität stellt sich durch verschiedene Faktoren ein: Auftreten, Wortwahl, Umgang mit Situationen (welcher Art auch immer), Souveränität, konsequentes Handeln usw.

Ist das Regelwerk durchgesetzt, haben die Kinder einen sicheren Rahmen für ihr Handeln. Sie wissen einfach, welche Verhaltensweisen opportun sind und welche zu Konsequenzen führen. Genau diese Sicherheit ist die Basis dafür, dass Schüler Vertrauen entwickeln und damit für sich eine Nähe zu den Erwachsenen schaffen.

Zur rechten Zeit erteilte Hiebe, erweckt Vertrauen, Furcht und Liebe.

Den Spruch darf man natürlich (heutzutage) nicht mehr wörtlich nehmen, die Botschaft ist aber immer noch korrekt. Ersetzten Sie „Hiebe“ bspw. mit „konsequent gehandelt“.

Fehler

Fehler sind in der Beurteilung sehr subjektiv. Hier wird der Standpunkt des Autors wiedergegeben.

Es gibt einige – heute sagt man wohl – No-Gos, was für ein Wort…, also schlicht Dinge bzw. Verhaltensweisen, die man im Umgang mit Schülern vermeiden sollte. Fangen wir mit ganz profanen Dingen an:

  • Umarmungen
  • Händedruck oder ähnliche Begrüßungen mit Körperkontakt
  • “Hi“, „Moin“ etc.

Umarmungen sind Eltern, Freunden usw. vorbehalten, zu denen Lehrer nicht gehören. Ein klassischer Händedruck zu offiziellen Anlässen (Sprechtag o. ä.) ist möglich, im Alltag aber ungeeignet. Ghettofaust oder Abklatschen sind Begrüßungen unter Kumpels oder Freunden. Gleiches gilt für die genannten Begrüßungsformeln. Ein „Hallo“ im Vorübergehen oder das „Guten Morgen/Tag“ im offiziellen Kontext (Unterricht) sind deutlich angemessener.

Betrachten wir nun die etwas subtileren, nicht ganz so offensichtlichen Dinge.

Eine Bemerkung vorab sei hier erlaubt. Viele Kinder haben heute verinnerlicht, dass sie Erwachsene fremdsteuern können, weil sie es überall (zu Hause, im Kindergarten und in der Schule) so erleben.

Was ist gemeint?

Jede Verlautbarung des Kindes – ganz gleich ob verbal oder durch Gestik und Mimik – führt zu einer sofortigen Reaktion eines Erwachsenen (Elternteil, Lehrer usw.). Beobachten Sie sich in Ihrer Rolle selbst! Es ist auch bei den Erwachsenen „antrainiert“.

Nun die nicht so offensichtlichen Dinge:

  • Kinder halten oft keinen angemessenen Abstand (im Sinne der oben geschilderten physiologischen Distanz) und brechen sehr schnell in die Intimdistanz der Erwachsenen ein. Bei den eigenen Eltern ist das natürlich in Ordnung, aber bei Lehrern eher nicht. Hier setzt man mit den o. g. Umarmungen einen völlig falschen Reiz, die deutliche Distanzierung muss erfolgen (z. B. sanftes Wegschieben). Übrigens gehört das Umringen der Klassenlehrerin am Stundenbeginn auch in diese Kategorie.
  • Kinder sprechen mitten in die Unterhaltung zweier Erwachsener hinein. Mangelhafte Impulskontrolle zeigt sich hier sehr deutlich. Nur die klare Zurückweisung hilft. Es ist hier eher schädlich, das Problem zu besprechen und das Verständnis zu wecken. Kurz, knapp, knackig – schließlich möchte ich die Unterhaltung mit der Kollegin oder dem Partner nicht länger als nötig unterbrechen. Im Übrigen ist es in höchstem Maße unhöflich, dem Impuls des Kindes zu folgen, sich vom erwachsenen Kommunikationspartner abzuwenden, um die Frage des Kindes zu beantworten.
  • Kinder fragen im Unterricht direkt, wenn es ihnen in den Sinn kommt. Es ist aber nichts anderes als unangemessenes Dazwischenreden. Die wiederholte Formulierung der Klassenregel – das Problem ist nicht durch einmalige Intervention zu beseitigen – ist die einzig richtige Vorgehensweise: „Wenn du etwas sagen möchtest, zeigst du auf.“
  • Kinder laufen im Unterricht einfach los, um z. B. Papier zum Mülleimer zu bringen. Die Vorgehensweise ist analog zu oben. Gleiches gilt für den Drang zu trinken (niemand verdurstet innerhalb von 45 Minuten) oder den Wunsch, zur Toilette zu gehen.

Das entscheidende ist, die nicht vorhandene oder schlecht ausgeprägte Impulskontrolle der Kinder zu trainieren. Um auf das Thema professionelle Distanz zurückzukommen: Das geht nur, wenn der Lehrer die nötige Distanz besitzt. Das schließt ein, dass mir meine Maßnahmen auch nicht leid tun dürfen.

Dem Spruch „Es sind doch noch Kinder.“ entgegen ich „Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“.

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Von sp

2 Gedanken zu „Professionelle Distanz“

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