Im Nachtrag zum Thema professionelle Distanz greife ich die Gedanken des Ausgangsbeitrags auf und ergänze um zusätzliche Aspekte.
Ich sehe das alles genauso wie du.
Allerdings sehe ich bei einigen SuS andere Gründe, warum sie so anhänglich sind: weil sie zu Hause verwahrlost werden. Sei es das eine Mädchen aus der 5, welches immer kuscheln kommen wollte (ich hab es mit der Klassenleitung abklären lassen, die Mutter hatte den Vater betrogen, sie hat alles mitbekommen, war emotional völlig neben der Spur, keiner kümmerte sich, also kam sie zu uns Lehrerinnen) oder der eine Junge aus der 6, der mit mir Zug fährt und sich ständig neben mich setzt, mich volltextet, so eng neben mir geht, dass es extrem unangemessen und unangebracht ist. Irgendwann hab ich rausbekommen, dass ich – im Gegensatz zu seiner Familie- die erste bin, die ihm klar gemacht hat, dass er extrem begabt ist in Bezug auf Musik und sein sängerisches Talent. Hinzu kommt bei ihm glaub ich etwas autistisches, weshalb er Abstände irgendwie nicht merkt.Wie haben so viele emotional verwahrloste SuS. Und wenn da dann hinzu kommt, dass sie in der Grundschule kuscheln durften (…) und sie merken, dass sie von uns Lehrern zum ersten Mal in ihrem Leben ERNST genommen werden als Person, ja dann entstehen sehr schnell solche Situationen.
Aber natürlich ist es mein Job, für die Distanz zu sorgen und das hab ich auch gemacht. Auch wenn mir die Kinder leid taten, aber was ist? Sie respektieren mich natürlich trotzdem und alles läuft wieder in geregelten Bahnen.
Kommentar einer Kollegin (nachträglich anonymisiert)
Dem ist nichts hinzuzufügen.

Ein weiterer Kollege hat spontan eine kleine Übersicht erstellt.
Es besteht kein Anspruch auf Vollständigkeit, es sind die ersten Gedanken, die dem Kollegen dazu in den Sinn kamen.
Wir haben gemeinsam darüber diskutiert, da ich die Zusammenhänge zunächst nicht verstanden hatte.
Lassen Sie sich ruhig Zeit, eigene Gedanken zur Graphik zu entwickeln. Meine eigenen möchte ich Ihnen nicht vorenthalten:
Im Beitrag zur professionellen Distanz habe ich das Wechselspiel zwischen Distanz und Nähe beschrieben. Wird Distanz als Selbstüberhöhung wahrgenommen? Ist sie demgegenüber notwendig für die Vorbildfunktion?
Es gilt wohl beides. Genau dieses Fingerspitzengefühl, gegebenenfalls auch gegen meine innere Überzeugung nach außen hin anders zu wirken, ist notwendig, um langfristig als Lehrer erfolgreich zu sein. Das ist („dauerhaftes Streben nach Weiterentwicklung“) ein Prozess, der Jahre und Jahrzehnte braucht, schon allein deshalb, weil wir Lehrer immer wieder vor neuen Herausforderungen stehen. Kein Kind ist wie das andere, keine Gruppe ist mit einer anderen vergleichbar.
Welt- und Menschenbild sind sehr abstrakte Begriffe. Vor allem bei letzterem fließen bezogen auf unseren Beruf derart viele Faktoren ein, dass eine komplette Beschreibung dessen, was ich darunter verstehe, schier unmöglich erscheint. Genau hier liegt die besondere Verantwortung von Menschen, denen Kindern „zum Schutz befohlen“ sind. Die etwas seltsam anmutende Beschreibung bedeutet im Kern genau das, was ich im vorigen Absatz beschrieben habe – das besondere Fingerspitzengefühl, weit über Sympathien und Antipathien hinweg Kinder zu erziehen.
Ein wesentlicher Aspekt ist, dass wir die Kinder niemals losgelöst von ihrem Umfeld betrachten dürfen. Lehrer fragen sich zurecht, ob so manche Bestrafung ungerecht ist, weil viel mehr die Eltern bestraft gehören. Hier greift das, was ich unter Menschenbild verstehe. Das Erlernen von Regeln (insbesondere dann, wenn die Kinder noch gar nicht mit ebensolchen in Kontakt gekommen sind) ist ein Prozess von Strenge und Konsequenz, aber eben auch von Güte und Hinwendung. Strafe muss auch einen Ausweg aus der Situation aufzeigen.
Betrachten wir die „Konkurrenz“, die unsere Arbeit konterkariert: Elternhäuser mit anderen oder faktisch nicht vorhandenen Erziehungszielen, ungezügelter Medienkonsum (wobei das mit ersterem zusammenhängt), aber auch defizitäre Lehrpläne, deren Schwerpunktsetzung wichtige Themen für die Ausbildung von Mündigkeit sträflich vernachlässigen. Letzteres ist mit Blick auf die Kompetenzorientierung sicher einen eigenen Beitrag wert.
Allein die Medien – in unserem Fall überwiegend die uneingeschränkte Nutzung von Internet (hier besonders der „sozialen“ Netzwerke) und Netflix – stellen ein riesiges Problem für die gesunde Entwicklung der Kinder dar, sowohl mit Blick auf die Psyche als auch auf die körperliche Entwicklung.
Machen Sie sich folgendes klar:
- In „sozialen“ Netzwerken gibt es kein Regulativ, was bestimmte Äußerungen, Bilder oder Videos pädagogisch aufbereitet. Da steht ungefiltert alles, bis hin zu ungezügelten Hasstiraden gegen andere Menschen.
- Das frei zugängliche Internet ermöglicht es Kindern, pornografische Inhalte zu konsumieren („Ja, ich bin 18 Jahre alt“ ist dann die sog. Altersverifikation.). Dort werden bestimmt nicht normale zwischenmenschliche Verhaltensweisen dargestellt…
- Bei Netflix usw. besteht die Altersverifikation lediglich im Einblenden eines Hinweises „ab 18“ o. ä., falls die Eltern hier den Zugang nicht eingeschränkt haben, können die Kinder die Serie oder den Film einfach anschauen. Die dann häufig konsumierten Gewaltszenen sorge bei unseren Kindern dafür, dass sie ein völlig falsches Verständnis dafür bekommen, wie man Konflikte angeht. Hinzu kommt, dass die extremen Prügeleien im Film derart übertrieben sind, dass manche Kinder meinen, es sei normal und doch eigentlich halb so schlimm, wenn der Protagonist des Films nach schwersten Misshandlungen lediglich etwas verbeult aussieht. machen Sie sich klar, dass die meisten Gewaltszenen aus Filmen, die dort verharmlosend dargestellt sind, im echten Leben zu schwersten Verletzungen führen.
- Analog gilt das eben Genannte auch für Computerspiele. Hier wird vor allem die Militarisierung des Denkens gefördert.
Womit wir bei der für mich wichtigsten Aussage der Graphik sind: Netflix, Smartphone und Computer gepaart mit einer mangelhaften Bildung öffnen der Verdummung Tür und Tor.
Der „Sidekick“ zur Geopolitik ist ein Erklärungsansatz dafür, warum das alles so ist und faktisch durch Unterlassung noch gefördert wird. Ich möchte keine Verschwörungstheorien aufmachen, aber die geopolitischen Interessen lassen sich eben nur durchsetzten, wenn das Volk (egal, in welchem Land) auch mitspielt. Bildung ist eher hinderlich, sie sorgt schließlich dafür, Zusammenhänge zu erkennen. Menschen, die mit sozialen Netzwerken beschäftigt sind, denken über nichts anderes nach. Jetzt muss nur noch X über den DSA gezügelt werden.
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Meine [Anm. des Autors: eine meiner Kolleginnen] Gedanken dazu: ich beobachte, dass viele unserer SuS selber nur TikTok und Youtube gucken. Netflix läuft zu Hause eher über den Familienfernseher.
TikTok finde ich ganz gruselig: die verdummten Inhalte, aber vor allem die kurze Aufmerksamkeitsspanne, welche „gefordert“ wird führen mit Sicherheit dazu, dass sie nicht mehr länger als 10 Sek. denken kennen, geschweige denn sich konzentrieren können.
Was mich aber wirklich überrascht (was aber wiederum dazu passt, dass unsere SuS emotional verwahrlost sind), dass so viele türkische Schnulzen geguckt werden. Die größten Angeber haben alle Kara Sevda geguckt. Manche sogar gemeinsam mit der Mutter auf dem Sofa. […] Rosamunde Pilcher in türkisch, arrangierte Ehe führt zu großem Herzschmerz. Typisches Thema übrigens in der ganzen muslimischen Welt. Ich hab mir für die SuS die Noten des Titelsongs ausgedruckt und sie wünschen sich manchmal nichts mehr, als dass ich das am Ende der Stunde für sie spiele.
[…] Was den Respekt vor Lehrern angeht, verweise ich auf meine Artikel zur professionellen Distanz (hier und hier). […]