Sabine Czerny und das Schulsystem
Lesedauer 12 Minuten

Im Beitrag „Sabine Czerny und das Schulsystem“ möchte ich meine Gedanken zu ihrem Buch „Was wir unseren Kindern in der Schule antun“ äußern.

ISBN 978-3-517-08633-0

Vorwort

Ich setze mich mit den Ansichten der Autorin vom Blickpunkt eines Schulleiters an einer Realschule im dreigliedrigen Schulsystem in NRW aus auseinander. Ich vertrete eher konservative Ansichten, führe aber das Scheitern des Bildungssystems nicht darauf zurück, dass der Erfolg am „Kampf“ zwischen Real- und Hauptschule sowie Gymnasium vs. Gesamt- oder Sekundarschule festzumachen ist. Der Fehler liegt in dem einem Monopol inhärenten Problem des mangelhaften Ringens um die beste Lösung. Das Bildungsmonopol legt die Hoheit über alle Schulen in die Hand des Staates (in Deutschland der Länder), sorgt aber gleichzeitig dafür, dass Menschen, die von Schule keine Ahnung haben, Entscheidungen treffen. Besonders schlimm ist, dass in Zeiten des Wahlkampfes die Suche nach neuen Wählerschichten dazu führt, dass schulpolitische Ideen vorgetragen werden, die jedweder Vernunft entbehren. Hinzu kommt, dass in unserem Land Geld für Dinge ausgegeben wird, wo ich nur den Kopf schütteln kann, für Schule aber scheinbar kein Geld da ist, jedenfalls nicht genügend. Im Wahlkampf ist das Thema wichtig, danach scheinbar eher nicht. Brot und Spiele eben…

Ach übrigens: Ich kann mich nicht erinnern, dass ich innerhalb der drei Jahrzehnte meines Lehrerdaseins jemals gefragt wurde, was ich zum Thema Schulpolitik zu sagen habe. Das hat sich, seit ich Schulleiter bin, auch nicht geändert. 

Sabine Czerny und das Schulsystem – Defizitäre Elternhäuser

S. 21: Die Autorin sagt aus, dass die Kinder zu viel vor dem Fernseher oder der Spielekonsole sitzen. Die Ursache verortet sie in der strukturellen oder auch in der individuellen Unfähigkeit der Eltern, den Alltag der Kinder ansprechend und kindgerecht zu gestalten. Eltern sind aufgrund nicht von ihnen selbst zu verantwortender Gründe schlichtweg nicht in der Lage, sich angemessen zu kümmern. 

Das halte ich für zu kurz gegriffen. Es gibt diese Elternhäuser mit Sicherheit – Stichwort alleinerziehende Mutter – es gibt aber mittlerweile auch zunehmend Elternhäuser, wo diese Argumentation nicht greift. Es ist für mich nur schwer vorstellbar, dass es scheinbar eine Korrelation oder sogar Kausalität zwischen zunehmender Verwahrlosung und Kindern mit Anspruch auf BUT-Leistungen (Bildung und Teilhabe) gibt. Worin besteht dieser Widerspruch? Gerade in diesen Familien ist mindestens ein Elternteil zu Hause (arbeitslos o. ä.). Was wir bereits häufiger erlebt haben, ist, dass wegen des Fehlens eines Kindes morgens zu Hause angerufen wurde, das Kind den Anruf angenommen hat und auf Nachfrage, ob denn ein Elternteil zu sprechen sei, antwortete: „Die schlafen noch.“

S. 25: Kinder sind von Natur aus neugierig und wollen lernen. Sie kennen aus sich heraus keine Vorurteile. Hier stimme ich der Autorin vollumfänglich zu. 

Es ist die Aufgabe aller Menschen in der Schulgemeinschaft (was die Eltern einbezieht), diesen Zustand zu fördern und zu erhalten.

Selektion durch Leistungsbeurteilung

Die Autorin kritisiert, dass das deutsche Schulsystem diskriminierend und auslesend sei, was auch die UN schon 2007 festgestellt haben will.

S. 42, Quelle 2 (Muñoz, Umsetzung der UN-Resolution, S. 2)

Diese Quelle liefert keine Aussagen zum Thema „diskriminierendes und sozial ausgrenzendes Schulsystem“

S. 43: Die Mehrgliedrigkeit des Schulsystems gründet auf selektierende Beurteilung und stellt aus Sicht der Autorin ein diskriminierendes System dar.

Harte Worte…

Die Diskriminierung besteht für mich eher darin, dass unabhängig vom Gliederungssystem der Blick auf die Kinder falsch gesetzt wird. Am Ende geht es politisch immer nur darum, alles, was die Vorgängerregierung gemacht hat, zurückzudrehen. Das Wohl der Kinder ist dabei egal. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass ein gut aufgesetztes, durchdachtes und kindbezogenes Schulsystem auch in der Mehrgliedrigkeit funktionieren kann. 

In Bezug zur Bedeutung der Noten widerspricht sich Czerny, indem sie sagt, dass mit einer vier die Leistungen erreicht sind, aber der Zugang zu den weiterführenden Schulen von einem Durchschnitt abhängt. Der Widerspruch besteht darin, dass der Fakt des Erreichens der Leistung mit administrativen Vorgaben in einen Zusammenhang gestellt wird. Klar gehört es zusammen, aber die Kritik geht am Thema vorbei. Widersprüchlich sind letztlich – insofern stimme ich der Autorin bedingt zu – die administrativen Vorgaben. Wie steht sie selbst dazu? Bedeutet die vier aus ihrer Sicht das, was politisch postuliert wird? 

Die Familie – zum zweiten

S. 44: Wenn Eltern die Noten ihrer Kinder auf sich selbst projizieren…

Hier wird unterstellt, dass die Eltern Sklaven der Benotung ihrer Kinder sind. Ich habe selbst mit vielen Eltern über solche Probleme gesprochen. Hier wird völlig außen vor gelassen, dass Lernen eben nicht ausschließlich aus sich selbst heraus funktioniert, sondern immer mit Anstrengung verbunden ist. Ob ein Kind diese Anstrengung als Stress wahrnimmt, ist eine ganz andere Frage. Wie Eltern schlussendlich damit umgehen, ist ebenfalls so individuell, wie die Persönlichkeiten, die dahinter stehen. 

Ja, ich kenne auch solche Eltern, wie im Buch beschrieben. Ich versuche dann eher, diese zu beruhigen. Lernprozesse kennen Höhen und Tiefen, das halte ich für normal und nicht systembedingt. Den Kindern beizubringen, damit umzugehen, ist seitens aller Beteiligten eine gemeinsame Aufgabe. Ich sehe eher hier das Totalversagen.

Förderung und berufliche Chancen

S. 46: Auch ich beobachte, dass Stellenanzeigen oder Ausbildungsgesuche die Vorgaben verengen. So werden schulische Abschlüsse verlangt, die offiziell gar nicht notwendig sind. Warum soll ein Jugendlicher für eine klassische Ausbildung ein Abitur mitbringen? Kompletter Blödsinn ist das! 

Den Schulen kann und darf man das aber nicht vorwerfen. Die Kinder, die aus diesem Grund drei Jahre länger die Schule besuchen, um ein Abitur zu erwerben, verlieren am Ende wertvolle Zeit. Die Zahl der Abiturienten steigt, was gleichzeitig einer Entwertung des Abiturs gleichkommt. 

Aber wo es viele Abiturienten gibt – die keinesfalls alle studierfähig sind – entstehen natürlich Begehrlichkeiten, zumal die Absolventen aufgrund ihrer längeren Schullaufbahn mittlerweile volljährig sind und der Jugendschutz während der Ausbildung keine wesentliche Rolle mehr spielt. 

An wen richtet sich denn nun dieser Vorwurf?

S. 48: Ich stimme insofern zu, als dass die „frühkindliche Förderung“ bereits im Kindergarten aus meiner Sicht eine völlig falsche Entwicklung darstellt. Jetzt aber Kritik am System zu äußern, ist etwas einseitig. Die Eltern entscheiden, was mit den Kindern geschieht. Die Reduzierung darauf, dass Eltern aus Angst um ihre Kinder diesen Maßnahmen zustimmen, ist meiner Meinung nach Polemik, zeigt aber gleichzeitig, wie einfach es mittlerweile möglich ist, Eltern zu verunsichern und die Kinder „ins System zu holen“ – in der negativsten Auslegung dieser Phrase. Das Grundproblem geht also weit über Schulpolitik hinaus. Diesen Bogen müsste die Autorin eigentlich schlagen. Warum sind die Eltern nicht mehr in der Lage, ihren eigenen Verstand zu benutzen?

S. 52: Kinder brauchen zumindest zeitweise eine Eins-zu-eins-Betreuung, so dass eine individuelle Betreuung sichergestellt ist. Je jünger die Kinder, umso wichtiger ist dieser Fakt. 

Die Autorin stellt nun fest, dass unter den derzeitigen gesellschaftlichen Bedingungen dies nicht mehr möglich ist, wenn doch, dann in eher gut situierten Elternhäusern. Schulen können das nicht auffangen. Abgesehen davon soll nach Meinung Czernys das schulische Lernen eh in der Schule stattfinden und nicht die Elternhäuser belasten. Das Gegenteil sei der Fall.

Hier hätte ich mir eine tiefergehende Betrachtung gewünscht. Die Autorin tut das Problem mit

[…] kann hier nicht diskutiert werden.“

ab.

Die Autorin malt auf den folgenden Seiten ein Bild einer Elternschaft, welches ich selbst in meinem schulischen Alltag so nicht wahrnehme. Es entsteht der Eindruck, dass ALLE Eltern derart unter Druck stehen, dass sie in höchstem Maße angstbesetzt sind. Die Vorgaben der Politik werden als viel zu schwierig dargestellt. Nun kenne ich die Bedingungen des bayrischen Schulsystems bzgl. des Überganges an eine weiterführende Schule nicht, aber laut Autorin ist es ein hochselektiver Prozess, der die Kinder samt deren Eltern an eine psychisch kaum noch ertragbare Grenze führt. Ob das in der gesamten Breite der Eltern- und Schülerschaft so ist, möchte ich vorsichtig bezweifeln.

Zustimmen muss ich aus Sicht der Schulpolitik in NRW dahingehend, dass deren Entscheidungen oft die Bedürfnisse der Kinder missachten. Dass dies zu traumatisierten Familien führt, sehe ich nicht. Ich bin Schulleiter an einer Ganztagsschule. Eltern entscheiden sich bewusst für diese Form der Beschulung. Hier darf die Frage nach den Motiven gestellt werden. Mit anderen Worten: Jede Medaille hat zwei Seiten.

Wettkampf der Elternhäuser

[…] Aus dem gleichen Grund kann es passieren, dass eine Mutter, die ihr Kind für eine Beerdigung telefonisch vom Unterricht befreien möchte, da ein naher Verwandter gestorben ist, nicht zuerst einmal Anteilnahme erfährt, sondern die Frage hört:

‚Schreibt ihr Kind denn an diesem Tag eine Probe? Oder am nächsten?‘“

S. 60

Das ist kein Problem einer falschen Bildungspolitik, sondern menschlich einfach niederträchtig. 

So wird immer früher begonnen – Mozart durch Kopfhörer an den Babybauch, Therapien ab dem Kindergarten, Frühenglisch, Nachhilfe, Lerncamps, Elternschulen, stundenlanges Lernen am Nachmittag, an den Wochenenden, in den Ferien – nur um gute Noten zu bekommen. Ums Lernen an sich, ums Erleben, ums Erfahren in seiner Vielfalt, in seiner Faszination, in seiner Unendlichkeit mit Kreativität und Eigensinn, Eigenheit und Lebendigkeit, mit unterschiedlichsten Menschen, am und mit dem Leben geht es dabei nicht. Zunehmend vergleichen die Eltern ihre Kinder mit anderen und sind erleichtert, wenn ihres ein paar Punkte mehr hat.

ebenda

Vollste Zustimmung – nur: ist das ein Problem verfehlter Bildungspolitik oder falsch agierender Lehrerinnen? Wohl eher nicht.

Sabine Czerny und das Schulsystem – ADS/ADHS

Vermutlich löst vielmehr das Zusammenwirken mehrerer negativer Einflüsse die beschriebenen Verhaltensauffälligkeiten aus. Folgende „Lebenserfahrungen” können zu ADS/ADHS-Symptomen führen: ungünstige Familienverhältnisse, Beziehungsprobleme, Arbeitslosigkeit der Eltern, Abwesenheit eines oder beider Elternteile, Vernachlässigung, Gewalt, Traumatisierungen, Trauer, Depression, eine unzureichende Mutter-Kind-Beziehung, Entwicklungsverzögerungen, Kommunikationsdefizite, mangelndes Sicherheitsgefühl, inkonsequenter Erziehungsstil, unstrukturierter Tagesablauf, Reizüberflutung im Alltag (etwa durch zu starken Medienkonsum, zu viel Lärm, Über- beziehungsweise Unterforderung des Kindes, Umwelteinflüsse wie beispielsweise Elektrosmog) oder bestimmte Bestandteile in Nahrungsmitteln.

S. 70

Volle Zustimmung! Hier werden Kinder als krank deklariert, denen oft nur Zuwendung und Bewegung fehlt und die gleichzeitig viel zu oft vor Fernseher und Spielekonsole hocken und sich dabei völlig falsch ernähren.

Wie soll Schule dieses Problem lösen? Fakt ist, dass diese Kinder tatsächlich verhaltensauffällig sind. In Anbetracht der Gegebenheiten in unseren Schulen ist es schwierig, damit umzugehen. Was ich allerdings in meiner Schule noch nicht wahrgenommen habe, ist, dass Lehrer eine Behandlung der Kinder einfordern. Mit diesen Kolleginnen und Kollegen würde ich ein durchaus kritikreiches Gespräch führen. Unsere Aufgabe ist es, die Kinder so wahrzunehmen, wie sie sind und nach Lösungen zu suchen, die ihnen nicht schaden. Der faktisch unkritische Gebrauch von Ritalin wird seitens der Lehrkräfte abgelehnt. „Problem erkannt – Pille rein – Ruhe ist“ – wer so denkt, sollte sich einen anderen Beruf suchen.

In meiner schulischen Praxis habe ich den Eindruck gewonnen, dass AD(H)S, LRS, Legasthenie oder Dyskalkulie teilweise „Modeerscheinungen“ waren und sind. Meine Kolleginnen und Kollegen, die die betroffenen Kinder gut kennen, sprachen dann hinter vorgehaltener Hand davon, dass dem Kind ein „Persilschein“ ausgestellt wurde. Die Folgen aus Sicht des Kindes sind erheblich. 

S. 76: Die Ursachen für Entwicklungsstörungen bei Kindern liegen (da stimme ich der Autorin uneingeschränkt zu) oft in den familiären und sozialen Rahmenbedingungen: Alleinerziehende, „Scheidungskinder“, Sozialhilfeempfänger usw. 

Damit stützt Sabine Czerny meine grundsätzliche Einstellung zu einer defizitären und völlig verfehlten Familienpolitik. Die ungünstigen Rahmenbedingungen in manchen Familien führen leider manchmal (häufig?) dazu, dass Kinder in ihrer Entwicklung beeinträchtigt sind. Andererseits gibt es Verhaltensauffälligkeiten auch bei Kindern „aus gutem Hause“. Besonders ehrgeizige Eltern, die in ihrem Spross den neuen Einstein sehen, schaden der Entwicklung genauso. 

Noch ein Wort zu den „Helikoptereltern“: Ich stelle zunehmend fest, dass Eltern in guter Absicht ihre Kinder in Watte packen und gleichzeitig aber verlangen, dass sie sich wie Erwachsene verhalten. 

Wie meine ich das?

Ich beobachte zunehmend, dass Eltern alle Schwierigkeiten von ihren Zöglingen fernhalten möchten. Gut vergleichbar ist das für mich mit Curling, wo die Mannschaftsmitglieder die Bahn polieren und von den kleinsten Unebenheiten befreien, damit der Curlingstein präzise im Ziel landet. 

Wie sollen Kinder so lernen, mit Problemen klarzukommen oder Niederlagen zu verkraften?

Der in meinen Augen zunehmende „Trend“, von Kindern Entscheidungen zu verlangen, die sie schlicht nicht treffen können, schadet den Kindern ebenfalls und führt zusätzlich dazu, dass diese Kinder versuchen, die Rolle des Erwachsenen einzunehmen. Dass dies zu Konflikten führen muss, ist sicher logisch.

Ich möchte zwei Beispiele nennen und überlasse es Ihnen, darüber nachzudenken, was daran wohl falsch sein könnte.

  • Mutter im Supermarkt zu ihrem ca. dreijährigen Sohn: „Was sollen wir denn heute essen?“ „Schokolade…“ „Nein, ich meine heute Abend. Möchtest du lieber Nudeln oder Pizza?“ „Schokolade…“
  • Mutter bei der Anmeldung an unserer Schule zu ihrer zehnjährigen Tochter: „Könntest du dir vorstellen, hier zur Schule zu gehen?“ 

Sabine Czerny und das Schulsystem – Schulische Rahmenbedingungen

S. 79: Leider muss ich zustimmen. Die strukturellen und organisatorischen Voraussetzungen in den Schulen stehen einem erfolgreichen Lernprozess häufig entgegen:

  1. zu große Klassen
  2. überfrachtete Lehrpläne

Ich kann mich noch daran erinnern, als wir in der Corona-Zeit (allein zu Schule und Corona könnte ich ein Buch schreiben…) halbe Klassen in Präsenz unterrichtet haben. Auf beiden Seiten (Lehrkräfte und Schüler) wurden die kleinen Lerngruppen als äußerst angenehm wahrgenommen. Die Möglichkeiten, den Stoff zu erarbeiten und zu vertiefen, waren einfach besser.

Ich stelle mir zuweilen die Frage, ob nicht mittlerweile viel zu viele Fächer unterrichtet werden. Politik, Wirtschaft, Sozialwissenschaften, Erdkunde und sogar Religionsunterricht (bzw. Praktische Philosophie) haben große Schnittmengen. In der Realschule NRW gibt es ab Klasse 7 ein zusätzliches Hauptfach (z. B. Französisch, Informatik, Technik, Kunst, Biologie oder Sozialwissenschaften), welches mit weiteren drei bzw. vier Wochenstunden unterrichtet wird. Die Lehrpläne werden einerseits immer unspezifischer (Stichwort Kompetenzorientierung), gleichzeitig soll jedweder Fachunterricht Berufswahlorientierung vermitteln oder Methodenkompetenz fördern.

Seit diesem Schuljahr gibt es eine Novellierung bezüglich der Anzahl der zu schreibenden Klassenarbeiten in den sog. Hauptfächern (Fächer mit schriftlichen Arbeiten). Die Anzahl wurde reduziert, die Fachschaften durften entscheiden. Nun fragen Sie sich doch einmal, wie diese Entscheidung mehrheitlich ausgegangen ist. Haben meine Kolleginnen und Kollegen erkannt, dass der Leistungsdruck durch Klassenarbeiten nicht gut ist oder haben sie sich lediglich etwas Arbeit vom Hals geschafft? Bevor ich missverstanden werde: Sich „Arbeit vom Hals zu schaffen“ steht nicht in der Kritik, auch wenn es so klingt. Lehrkräfte haben mittlerweile so viele zusätzliche Aufgaben, dass diese Entscheidung nachvollziehbar ist. Ich finde sie dennoch falsch. Hier wird unter falschen Prämissen „entschlackt“.

Czernys Kritik ist aus meiner Sicht dennoch zu einseitig. Ich zitiere:

Manche Kinder kommen schon frustriert oder bedrückt durch häusliche Probleme in die Schule. Das könnte Schule vielfach auffangen – wenn unsere Schule anders wäre.“

S. 83

Für mich ist das eine klassische Umkehr von Ursache und Wirkung. Nicht das (durchaus) defizitäre Bildungssystem ist Schuld an den Lebensumständen der Kinder.

Czerny fordert genau das, was ich am System kritisiere: Schule ist immer zuständig. Die Eltern sind verzweifelt oder überfordert, die Schule macht das schon. Ganztag – wunderbar, noch mehr Zeit, sich der Kindern zu entledigen. 

Bei aller berechtigter Kritik am Schulsystem fehlt mir hier die Kritik an den Umständen, die dazu führen, dass Kinder bereits defizitär und wenig resilient in den Schulen ankommen.  Die Stärkung der Familie, ein klares Bekenntnis zu einer förderlichen Familienpolitik, die letztlich auch einfordert, dass Eltern primär die Verantwortung tragen, fehlt völlig. Eltern werden als Opfer dargestellt. Übrigens weigere ich mich gegen den Gedanken, dass die von Czerny vorgetragenen Zustände grundsätzlich so sind. Das Buch erweckt hier einen undifferenziert einseitigen Eindruck. 

S. 86: Ich verstehe das Problem der Gegensätzlichkeit von individuellem Lernfortschritt der Kinder und den Strukturen unseres Bildungssystems. Hier greifen viele Zahnräder ineinander. Die monetäre Unterversorgung der Schulen ist genauso ein Problem, wie die bereits angesprochenen Schülerzahlen pro Klasse. Gleichzeitig ist die Ausbildung der Lehrkräfte überhaupt nicht mehr geeignet, wirklich gute Lehrerinnen und Lehrer hervorzubringen. Das ist allerdings ein völlig eigenständiges Thema, was letztlich auch zu diesem rein zahlenmäßigen Mangel an Lehrkräften führt, der wiederum zu einer weiteren Qualitätsminderung führt (Stichwort Seiteneinstieg). Eine Abwärtsspirale …

Formalitäten vs. Inhalt

S. 91: Ich frage mich, an welcher Schule Frau Czerny unterrichtet. Besteht die Elternschaft nur aus Juristen? Diese meiner Meinung nach überzogene Darstellung dessen, wie Eltern in der Breite juristisch gegen Klassenarbeiten oder andere Formen der Leistungsüberprüfung vorgehen und dass Lehrkräfte ihren pädagogischen Freiraum daher nicht mehr nutzen, ist gelinde gesagt Unsinn. Es mag diese Fälle geben, aber das Bild, welches die Autorin hier malt, ist deutlich überzogen. 

S. 96: Die Individualität der Lehrperson steht nach Meinung der Autorin nicht mehr im Vordergrund. Diese Aussage ist ebenfalls viel zu pauschal. Die Lehrerinnen und Lehrer sind in meiner Wahrnehmung in ihrem eigenen Empfinden zum Teil Knechte der Lehrpläne, geben dem Unterricht dennoch ihre persönliche Note. Lehrer hier faktisch mit Robotern gleichzusetzen, ist weit übertrieben. 

Teamunfähigkeit oder Unkollegialität für nicht eingegliederte Lehrerinnen, Druck durch Vorgesetzte oder auch unter Kollegen führt nach Czernys Meinung dazu, dass die pädagogische Freiheit gar nicht mehr existiert. 

Pädagogische Freiheit und rechtliche Vorgaben

S. 100: Die Diskrepanz zwischen benötigter und verfügbarer Zeit für Lehrkräfte hat sich auch in meiner Wahrnehmung in den letzten Jahren stark in Richtung Zeitdruck verändert. Wenn dann noch Schulleitungen hinzukommen, die „Druck machen“, dann kann das schnell zu Frust führen. Insofern verstehe ich die Autorin sehr gut. Die vielbeschworene pädagogische Freiheit findet in unserem überbürokratischen und defizitären Schulsystem schnell ihre Grenzen. Im Rahmen eines kollegialen Miteinanders und einer sensiblen Schulleitung lässt sich dennoch einiges erreichen. Ich stimme zu, dass die Beziehungsarbeit das A und O des Lehrerberufs ist. Genau das macht in meinen Augen eine gute Lehrkraft aus. Aber auch ich höre leider viel zu oft: „Ich muss doch meinen Stoff schaffen.“, was gleichzeitig viel zu oft dazu führt, dass die Lehrerin gar nichts schafft, da sie über die Köpfe der Kinder hinweg lehrt. Das Umdenken muss nicht nur in der Administration (auf allen Ebenen) erfolgen, sondern auch in den Köpfen der Lehrerinnen und Lehrer.

Ein Beispiel dazu:

Ich hatte die Aufgabe, eine Kollegin zu vertreten, die in den letzten Wochen ihrer Elternzeit war. Es ging um zwei Klassen 9 in Mathematik. Ich habe jede Stunde mit einer wiederholenden Übung begonnen (zuerst das kleine Einmaleins, dann die Bruchrechnung, zuletzt Prozentrechnung). Anfänglich waren diese Übungen kaum bewertbar, mit zunehmender Dauer wurde es aber deutlich besser. Einerseits gingen mir dadurch zehn Minuten jeder Stunde „verloren“, andererseits gab mir der Erfolg recht. 

Die Kollegin hat diese täglichen Übungen unter Verweis darauf, dass sie doch den Stoff schaffen muss, stark reduziert – von „täglich“ konnte keine Rede mehr sein.

Nachdem die Klassenarbeit einen Schnitt von 4,5 ergab, habe ich sie gefragt, ob sie denn ihren Stoff tatsächlich geschafft habe…

Schulerfolg und soziale Herkunft

S. 100: Die Autorin verfällt zu sehr in Schwarz-Weiß-Malerei. Es ist sicher richtig, dass Kinder aus sozial schwachen Familien häufig zu Hause weniger Beachtung erfahren. Gleichzeitig kenne ich aber auch viele Kinder aus monetär gut ausgestatteten Familien, denen es keinen Deut besser geht als den Kindern aus den sog. bildungsfernen Haushalten. Geldmangel als alleinigen Faktor anzuführen, ist sicher etwas zu kurz gegriffen. Primär geht es um Zuwendung zum Kind, die meiner Meinung nach nicht zwingend an das Familieneinkommen gekoppelt ist. 

Auch hier ein Beispiel:

Unsere Klassen 6 fahren für zwei Wochen in ein Schullandheim. Die Elternhäuser, die Anspruch auf Leistungen aus dem BUT (Bildung und Teilhabe) haben, bekommen von uns alle Informationen, wie sie vorgehen müssen, um die Leistungen zu erhalten. Letztlich scheitert es oft (bei weitem nicht immer) daran, dass sich die Eltern nicht kümmern. Dabei müssen sie nur mit einem von mir unterschriebenen Dokument zum Arbeitsamt gehen.

ABER: Dem Geld mancher anderer Kinder laufen wir genauso hinterher.

Sabine Czerny und das Schulsystem – Zwischenbilanz

S. 105: Ich lese nun auf den ersten einhundert Seiten immer wieder das Gleiche und habe noch mehr als 200 Seiten vor mir. Richtig ist – im Sinne einer ersten Zusammenfassung meinerseits – dass unser Schulsystem die Individualität der Kinder nicht oder wenig beachtet. Lehrpläne und Vorgaben jeder Art sind viel zu eng gefasst, die überbordende Bürokratie schafft Frust und Druck. Das Mantra der individuellen Förderung ist quasi inhaltsleer.

Der Versuch, Schule und Bildung zu standardisieren (eine Entwicklung, die ich seit dem sog. „PISA-Schock“ mit Sorge beobachte), ist eine komplette Fehlentwicklung. 

Die Klassen sind zahlenmäßig viel zu groß, die Lehrkräfte haben mittlerweile viel zu viele zusätzliche Aufgaben, so dass es zunehmend schwieriger wird, allen und allem gerecht zu werden. Die Zeiten von „Lehrer haben vormittags recht und nachmittags frei.“, wenn es die denn jemals gab, sind endgültig vorbei. 

Bis jetzt beschreibt Sabine Czerny den Zustand der Schule aus ihrer Sicht. Viele ihrer Ansichten teile ich, was sie daraus ableitet, jedoch nicht immer. Leider versteigt sie sich viel zu sehr in das wiederholende Beschreiben der Zustände denn in eine konstruktive Auseinandersetzung damit, worin individuelle Lösungsansätze innerhalb der Rahmenbedingungen bestehen könnten. Aber vielleicht kommt das ja noch.

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Von sp

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